Landgasthof Hagen

Wer im Odenwald und Kreis Bergstraße gerne gut isst, dem dürfte der Landgasthof Hagen in Grasellenbach schon länger bekannt sein. Die Mund-zu-Mund-Propaganda funktioniert und Wanderer, die per Zufall das äußerlich in die Jahre gekommene Gasthaus aufsuchen, erleben eine positive Überraschung: Nachdem die schwergängige Eingangstür überwunden ist, geht es linkerhand in den gemütlich und modern gestalteten Hauptgastraum.

Warme Braun- und Goldtöne dominieren, das indirekte Licht schafft eine behagliche Atmosphäre. Für größere Gesellschaften gibt es einen weiteren Gastraum und im Sommer macht man es sich auf der Terrasse bequem. Das Restaurant hat kürzlich eine Auszeichnung erhalten und darf sich nun zu den „50 besten Dorfgasthäusern in Hessen 2019“ zählen. Wenn man einen Blick auf die Speisekarte wirft, ahnt man schon, warum. Die Speisenauswahl ist nicht überbordend groß, ein Hinweis auf wirklich frische Zubereitung. Man findet saisonale Spezialitäten, Einfaches und Traditionelles wie Pizza und Kochkäseschnitzel oder spannende Gerichte mit Wasserbüffel und Dry Aged Beef, das in der hauseigenen Reifekammer hergestellt wird. Die regionalen Lieferanten sind allesamt auf der Karte aufgeführt, das ist transparent und schafft Vertrauen. Dazu kann man aus einigen Tagesgerichten wählen und es gibt eine mit frischen Salaten bestückte Salatbar. Das Konzept, sich seinen eigenen Beilagensalat mit den hausgemachten Dressings selbst zusammenzustellen – und auch bei Bedarf einfach einen Nachschlag zu holen – überzeugt.

Service und Timing mit Luft nach oben

Wenn man etwas Pech hat, kann man im Landgasthof Hagen aber auch einen leicht holprigen Start erwischen.  Die Website zeigte als Spezialität noch Bärlauchgerichte, aktuell war jedoch schon die Spargelkarte. Dazu hatte die freundliche junge Dame vom Service vergessen, ein Tagesgericht zu erwähnen, das nicht auf der Schiefertafel stand. Also konnten auch keine Agnolotti mit Wasserbüffel verkostet werden und ebenfalls kein Filetsteak, das nicht mehr verfügbar war. Erst nach einem wohl unglücklichen Blick wurde eine weitere Karte gebracht, die mit dem Dry Aged Beef. Dort stehen Rumpsteak, Rib Eye Steak und Tomahawk Steak jeweils vom Grill zur Wahl. Wer also zum ersten Mal da ist und nicht weiß, dass das Restaurant diese Spezialität anbietet, hat gute Chancen, wirklich etwas zu verpassen. Gleiches ereignete sich später mit der Dessertkarte, die nur auf Nachfrage gebracht wurde. Allerdings musste dann leider aufgrund mangelnden Appetits auf eine Leckerei wie Crème brûlée von der Tonkabohne (4,20 Euro) oder Vanille-Mandel Panna Cotta mit Pistazien-Eis (4,50 Euro) verzichtet werden.

Nach der Wahl der Speisen hieß es dann erst einmal, sich in Geduld zu üben. Während der 45-minütigen Wartezeit auf die kalte Vorspeisenplatte wurde häufiger freundlich nachgefragt, ob denn alles in Ordnung sei. Das „Nun, wir warten“, klang ab der halben Stunde wahrscheinlich etwas gedrückt. Der Odenwälder Tapas-Teller (7,80 Euro), der dann aber an den Tisch kam, war mit hochwertigen Produkten bestückt, köstlich und gerade auch für die Portionsgröße preislich günstig. Der Teller beinhaltete Weichkäse, Rohschinken, Rohwurst, frittierte Pilze in einer Bärlauchcreme, geschwenkte Kirschtomaten, milden Räucherlachs im Kräutermantel mit leicht scharfem Meerrettich und ein lauwarmes Schafskäseröllchen auf Aprikosengelee. Zum Tapas-Teller sind auf der Speisekarte keine weiteren Angaben gemacht, so dass der Koch die Zutaten variieren kann. So hat man bei weiteren Besuchen des Lokals immer einmal eine Überraschung auf dem Teller. Preislich sind übrigens alle Gerichte und auch die Getränke sehr moderat: Eine Flasche Mineralwasser kostet 3,80 Euro, fast alle kalten Getränke und Soft-Drinks im 0,2-Glas 1,80 Euro. Es gibt eine Reihe offener Weine von der Hessischen Bergstraße, aus Baden, der Pfalz und aus Italien, ebenso verhält es sich mit den Flaschenweinen, allerdings wird auf höherwertige Weine verzichtet.

Hervorragende Speisen

Das Timing-Problem bei der Vorspeise kehrte sich bei den Hauptgängen um, sie wurden nahtlos serviert – hinterließen aber einen bleibenden Eindruck: Die vegetarischen Ravioli (12,50 Euro) und das Dry Aged Rumpsteak (26,90 Euro) riefen Geschmacksexplosionen auf der Zunge hervor. Die Ravioli waren mit getrockneten Tomaten und Ricotta gefüllt, sehr würzig und in einem seidigen hausgemachten Nudelteig versteckt, die Salbeibuttersoße, Rucola und der geriebene Käse dazu harmonierten hervorragend. Das Gericht tritt damit den Beweis an, wie wichtig es ist, bei an sich einfachen Gerichten, auf beste Zutaten zu setzen. Das Dry Aged Beef kam medium an den Tisch, wie es sein sollte, und war an Zartheit kaum zu überbieten. Die Röstaromen vom Grill gaben den zusätzlichen Kick, ebenso wie die Gewürz-Pfeffer-Kombination, die im Gewürz-Set auf dem Tisch steht. Das Restaurant besitzt eine Gewürzkammer mit mehr als 140 Gewürzen, die Koch und Inhaber Daniel-Hagen Wolf auch zum Kochen verwendet und in eigenen Gewürzmischungen zusammenstellt. Auf meine Frage vorab, die Kartoffelecken zum Rumpsteak mit Gemüse zu ersetzen, wurde freundlicherweise sofort eingegangen, allerdings hatte ich nicht mit Erbsen und Möhren gerechnet. Das war etwas langweilig, aber keine Katastrophe. Ratlos ließen mich allerdings die sanitären Anlagen im Keller zurück. Die Damentoiletten scheinen noch aus den 70er Jahren zu sein, sind dringend renovierungsbedürftig und das betrifft leider nicht nur die Optik. Nach einem insgesamt hervorragenden Essen war diese Erfahrung dann etwas unangenehm.

Redaktionell verändert veröffentlicht am 25. Mai 2019 im Darmstädter Echo, Rubrik Südhessen genießen – Dippegucker