Nase im Glas

Weine, Winzer und Gastrotipps.

Riesling adé, hallo Merlot?

Prof. Wirth und Dr. Eva Vollmer im "Cuvée 2016" in Mainz

Bevor die Auswirkungen des Klimawandels im Weinberg noch größer werden, wird es nun doch Zeit für einen Nachtrag von mir vom November 2017. Da nämlich fand im „Cuvée 2016“ in Mainz die Veranstaltung „Wein und Klimawandel“ statt. Referierende Gäste waren der Physiker und Meteorologe Professor Volkmar Wirth von der Johannes Gutenberg-Universität Mainz und die Ökowinzerin Dr. Eva Vollmer aus Mainz-Ebersheim. Abwechslungsreich, spannend und kurzweilig war der Abend. Die beiden Referenten wechselten sich mit ihren Beiträgen ab und Frau Vollmer hatte drei schöne Weine im Gepäck, die zwischendurch auch noch verkostet wurden.

Professor Wirth lieferte zunächst einen Vortrag mit Fakten zum globalen Klimawandel ab. Wie kommt es überhaupt zum Klimawandel, wie hat sich das Wissen darum über die Jahre erweitert, was können wir noch nicht so genau vorhersagen und mit welchen Veränderungen müssen wir auf jeden Fall rechnen? Diese und weitere Fragen wurden beantwortet – oder blieben auch erst einmal noch mit einem Fragezeichen versehen, denn einige Detailfragen sind noch offen.

Klimawandel ist Fakt

Grafik global energy balance

Grafik von Prof. Wirth

Eine Journalistenschelte konnte sich Herr Wirth nicht verkneifen. Zu viele Journalisten würden einfach falsche Angaben machen, uninformiert sein oder unbewusst Fehlinformationen weiterverbreiten. Bevor ich mich nun zu dieser Sorte dazugeselle, werde ich nichts weiter zu CO2-Gehalt, Wasserdampf, Wasserkreislauf, Treibhausgasen, terrestrischer oder solarer Strahlung sagen. (Wer sich näher informieren möchte, kann bspw. die Anfangsminuten des Forschergeist-Podcasts von Tim Pritlove mit Volker Quaschning anhören.) Was ich aber sagen kann und was auch Herr Wirth mit Nachdruck betont hat: Der Klimawandel ist Fakt. In einer Studie, in der weltweit 1.000 Artikel zum Klimawandel untersucht wurden, seien sich sämtliche Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus aller Welt einig gewesen, niemand hätte den Klimawandel abgestritten, erklärte der Meteorologe.

Global gesehen gab es zwischen 1850 und 2015 eine gemittelte (bodennah gemessene) Temperaturerhöhung von 1°C. Was sich zunächst nicht viel anhöre, habe aber weitreichende Auswirkungen, so Wirth. Der Mensch verändere die Zusammensetzung der Atmosphäre, der CO2-Gehalt gehe nach oben. Diese Zunahme entstehe in der Hauptsache durch Verbrennung fossiler Brennstoffe. Dass Temperaturerhöhung und die Erhöhung des CO2-Gehalts miteinander zusammenhängen, ist mittlerweile bewiesen und unstrittig, so Wirth.

Auf die Frage, ob es denn eine Chance gebe, die Auswirkungen des Klimawandels jetzt noch zu begrenzen, gab Wirth die Antwort, die eigentlich allen klar war: Wenn politisch jetzt global Entscheidungen getroffen würden, die den CO2-Ausstoß massiv verringern würden, und diese Maßnahmen dann auch sofort umgesetzt würden – dann ja. Wie wahrscheinlich das ist, durfte sich jeder selbst ausmalen.

Klimawandel fordert schon jetzt ständiges Umlernen

Biowinzerin Eva Vollmer arbeitet jetzt seit zehn Jahren als Winzerin, zunächst hatte sie eine Ausbildung als Weinküferin gemacht, dann ein Weinbaustudium in Geisenheim drangehängt und dort dann auch noch promoviert. Als „gruselig“ bezeichnete sie es, dass sie während der Zeit ihrer Ausbildung, vermeintlich Bekanntes ständig neu lernen musste, da die Auswirkungen des Klimawandels so eklatant waren. So habe es beispielsweise während ihrer Lernphase drei bis vier neue Klimaprognosen gegeben, die die Lehre beeinflusst hätten, welche Rebsorte an welchem Standort die besten Wachstumschancen hätten.

Die Tendenz sei klar, so Vollmer: Die große Hitze führe zu mehr Zucker in den Trauben, dies wieder zu mehr Alkoholgehalt im Wein. Bei einem Wein, der leichten Genuss versprechen solle, aber 13 oder 14% Alkohol mitbringe, mache das Gläschen im Sommer auf der Terrasse dann wohl eher weniger Spaß, meint Vollmer.

Nach so viel Theorie gab es glücklicherweise den ersten Wein von Eva Vollmer zu verkosten: „Elf Komma Zwei“ heißt die leichte und fruchtige Weißweincuvée von 2016 aus Silvaner und Scheurebe. Dabei hat dieser Wein seine ganz besondere Geschichte: Der Name des Weins bezieht sich auf den Alkoholgehalt, der zwischen trocken und halbtrocken liegt. Denn Vollmer wollte einen feinherben „Versöhnungswein“ schaffen, der Fruchtliebhaber und trockene Genießer zusammenbringt. Mit dem „11komma1“ hatte sie es damals auch geschafft und genau diesen Alkoholgehalt fröhlich auf die Etiketten drucken lassen. Bis die Weinkontrolle kam und auf die Regelung verwies, dass nur 0,5er-Schritte auf Etiketten erlaubt seien. „Ich habe dann auf jeder einzelnen Flasche mit einem dünnen Stift die 1 nach dem Komma in eine 5 verwandelt. Da war die Winzerin beschäftigt“, frotzelte Vollmer.

Sauer macht die Winzerin lustig

Ein weiteres Problem der Winzer sei, dass sich Säure in heißen Nächten abbaue. „Wenn man nichts dagegen unternimmt, hat man einen säurearmen Wein, der Gefahr läuft, zu kippen. Der pH-Wert stimmt dann einfach nicht mehr“, so Vollmer. Was beispielsweise in den USA schon länger praktiziert würde, das Ansäuern von Wein, sei in Deutschland erst seit 2003 oder 2009 (sie war sich nicht mehr sicher, ob es im Hitzesommer 2003 bereits erlaubt wurde und ich habe schnöderweise nicht nachrecherchiert…) erlaubt. Da die Mühlen der Verwaltung langsam mahlen, so Vollmer, sei es ratsam, frühzeitig einen Antrag zu stellen. Sonst sitze man eben da mit seinem gekippten Wein, weil die Genehmigung noch nicht erteilt wurde.

Zum Schutz eines reintönigen Weins brauche man einfach die Säure als kleine chemische Hilfe. Gesäuert werde mit Weinsäure oder mit Äpfelsäure. Wenn es länger kalt war, sei die Konzentration der natürlichen – und etwas saureren  -Äpfelsäure in der Traube höher, so Vollmer. Bei Übersättigung falle die Säure dann als Weinstein aus, das sei aber unbedenklich, so die Winzerin. Es werde mit der Temperatursteigerung immer häufiger zum Zusetzen von Säure kommen. Erlaubt wurde die Zusetzung in den Jahren 2009, 2011, 2012, 2015 und 2016. Professor Wirth fügte hinzu, dass der Hitzesommer von 2003 wahrscheinlich dem typischen Sommer in 60 bis 80 Jahren entspreche.

Weingut Eva Vollmer, Weißburgunder Halbstück 2014Der zweite Wein von Vollmer, der trockene Weißburgunder „Halbstück“ aus 2014 war mein ganz persönlicher Lieblingswein des Abends – ein echter Kracher. Schon der Duft ein vanillig-karamelliger Genuss, der sich auf der Zunge fortsetzte. Dabei war nichts Schweres an dem Wein, der Weißburgunder mit seiner feinen Frucht war noch voll da, die dezente Holznote passte gut zu dem leicht süßlichen Karamell-Ton. Und das, obwohl der Wein mit 1,3 g/l Restzucker nun wirklich richtig trocken ist! Vollmers Tipp: den Wein einmal mit Aromen wie Pilzen oder herbstlichen Suppen zu kombinieren. Da schmecke der Wein gleich noch einmal anders.

Weinbau in 50 Jahren – was passiert?

Wie wichtig es ist, sich als Winzer oder Winzerin auf das einzustellen, was da wohl noch alles in der Zukunft in Bezug auf Wetter und die damit einhergehenden Auswirkungen im Weinberg auf einen zukommt, wird in der Hochschule in Geisenheim erforscht. Wetter sei eh Unterrichtsfach, zu Alkoholmanagement würde geforscht und das „FACE-Projekt“ simuliere seit 2014 die Bedingungen, die vermutlich in 50 Jahren in den Weinbergen herrschen, erklärte Vollmer. „FACE“ steht dabei für „Free Air CO2 Enrichment“ (Freiland-CO2-Anreicherung).

Dr. Eva Vollmer

Dr. Eva Vollmer

Das Projekt: Im Geisenheimer Weinberg stehen kreisförmig Begasungsanlagen auf Stelzen. Die direkt an den Stelzen wachsenden Rebstöcke (Riesling und Cabernet Sauvignon) werden kontinuierlich mit einer um 20% erhöhten CO2-Menge begast, die in 50 Jahren als normal erwartet wird. Drei genau gleich gestaltete Kreise dienen als Kontrollflächen. Schon nach zwei Jahren habe sich gezeigt, dass die Rebstöcke „fetter“ würden, mehr Blätter ausbildeten und sowohl Trauben als auch Triebe anders aussehen würden, erklärte die Ökowinzerin. Für einen Riesling, den man eher als „locker beerig“ beschreibe, so dass auch genügend Luft und Wind hindurchziehen kann, sei das definitiv eine Entwicklung, die man im Auge behalten müsse. Generell sei mit höheren Erträgen zu rechnen und auch die Inhaltsstoffe in den Trauben hätten sich schon verändert. Ganz besonders wichtig sei die Forschung bei der Auswahl der Rebsorte, wenn die Neuanlage eines Weinbergs anstehe. So ließen sich schwere Fehler vermeiden, betonte Vollmer.

Professor Wirth und Eva Vollmer waren sich einig, dass das Mikroklima direkt an der Rebe immens wichtig sei. „Ein Tipp vom Nachbar ist meist nicht wirklich machbar. Schon im Nachbarort könne ganz andere Bedingungen herrschen, die nicht so einfach übertragen werden könnten“, so Vollmer. Um den Riesling habe sie aber trotzdem keine Angst, erklärte sie. Sie selbst plädiere immer noch für lokale Rebsorten, auch wenn Deutschland jetzt auch „Merlot & Co“ könne. Was Sauvignon Blanc kann, kann Scheurebe schon lange und statt Chardonnay baue sie lieber Weißburgunder an. Ihre roten Lieblinge: Dornfelder und Spätburgunder.

Damit gab es den letzten Wein zum Verkosten: „Herzbube“ hieß die Rotweincuvée aus Spätburgunder und Cabernet Sauvignon. Der „Cabernet“ hätte nunmal schon auf einem dazugekauften Weinberg gestanden, so Vollmer. „Da mache ich natürlich trotz meiner Vorliebe für heimische Sorten etwas Schönes draus“, sagte sie zu dem Wein, der als Hochzeitswein äußerst beliebt sei und daher „ganz häufig heirate“.

Abschließend sei noch auf eine Seite des PIK (Postdam Institut für Klimafolgenforschung) verwiesen. Dort kann man selbst in Zehn- oder Dreißigjahresschritten nachverfolgen, welche Auswirkungen die Klimaerwärmung auf die Weinbauregionen und den Anbau  von Rebsorten hat. So wird es eine Verschiebung nach Norden geben und schon in zehn Jahren könnte es am Rhein heißen: Hallo Merlot!

Weinbauregionen in Deutschland heute und morgen

Auf der Website des PIK kann man sich die Prognosen zur Erwärmung und die damit verbundenen Empfehlungen zum Rebsortenanbau anzeigen lassen. Quelle: PIK (www.klimafolgenonline.de),Grafik-Kombo: S. Kasper

Vorheriger Beitrag

Perfekte Weine zu weihnachtlichen Gerichten

Nächster Beitrag

Die Vinothek vom Modedesigner

  1. Felix Peters

    Spannendes Thema, leider sehr unkreative Herangehensweise an alternative Rebsorten und ein etwas naives Erklären von den Auswirkungen auf die heimische Rebsorten. Hier ist viel mehr möglich das Thema näher zu beleuchten.

    • Nase im Glas

      Nase im Glas

      Hallo Herr Peters,
      schön, dass Sie auf meiner Seite waren und vielen Dank für den Kommentar. Ein „mehr“ oder „kreativer“ ist sicherlich fast immer möglich. Prof. Wirth hatte eingangs seine Informationen (sehr viele und sehr schnell vorgetragen), die offenbar aus seinen Uni-Vorlesungen stammten, mit Unterstützung einer englischen PPP vermittelt. Dazu u.a. eine recht laute Umgebung. Mein Eindruck an dem Abend war tatsächlich, dass Frau Vollmer aus diesem Grund mit ihren Erklärungen ganz bewusst einige Gänge runtergeschaltet hat, um die Teilnehmenden (die bestimmt allesamt keine Winzer waren) nicht zu überfordern.
      Sie gehören zu den, ich sage mal „Erneuerern“ am Roten Hang. Wenn Sie eine Veranstaltung zu Ihrer Arbeitsweise/Philosophie und den Gegebenheiten vor Ort machen, lassen Sie es mich wissen. Ich komme gerne vorbei.

Kommentar verfassen

Läuft mit WordPress & Theme erstellt von Anders Norén