Winzer Sebastian Michel im Weinberg, Bild: Weingut Michel

Trockenbeerenauslesen (TBA) sind bei Kennern beliebte Süßweine, geeignet als Dessertwein, für den Genuss mit würzigem Käse oder einfach als Gaumenfreude pur. In Deutschland haben sich, gerade an der Mosel, berühmte Weingüter auf die Herstellung der edlen Tropfen spezialisiert. Doch auch für kleine, aufstrebende Weingüter gehört die Trockenbeerenauslese unbedingt ins Portfolio hinein. So sieht das zumindest Sebastian Michel vom Weingut Michel im kleinen rheinhessischen Örtchen Hochborn. „Einerseits ist die TBA auch ein Prestige-Produkt, andererseits haben wir in diesem Jahr auf Messen in London (Großbritannien) und Amsterdam (Niederlande) festgestellt, dass unsere Trockenbeerenauslesen im Ausland auf großes Interesse stoßen“, erklärt der Jungwinzer.

Ohne Botrytis keine TBA

Weinbau wird in der Familie Michel seit dem 17. Jahrhundert betrieben, in den vergangenen Jahren wurden die vier Hektar Weinberge – mit Lagen wie Westhofener Morstein oder Gundersheimer Höllenbrand – auf 20 Hektar aufgestockt, ein neuer Keller wurde gebaut und der Mischbetrieb mit Getreide und Zuckerrüben in 2017 auf reinen Weinbau umgestellt. „Wenn es die Natur zulässt, produzieren wir auf jeden Fall eine TBA. 2015 hatten wir eine schöne Kombination aus Huxelrebe und Riesling, wobei der Riesling die Süße der Huxelrebe mit Säure und viel Lebendigkeit ideal ergänzt hat. Doch in diesem Jahr waren die Bedingungen wegen des geringen Botrytis-Befalls und den hohen Temperaturen nicht ideal“, so Michel.

Selektion für TBA - Riesling

Selektion für Riesling-TBA: Viel ist es in diesem Jahr nicht pro Hektar, Bild: Weingut Michel

Eine TBA wird aus Beeren hergestellt, die von dem Pilz Botrytis befallen sind. Der Pilz, der ein gewisses Maß an Feuchtigkeit zur Entstehung benötigt, durchdringt die Haut der Beere, die dann austrocknet und damit den natürlichen Zuckergehalt erhöht. Das natürliche Mostgewicht bei gesunden Trauben liegt bei 105° Oechsle, für die Bezeichnung TBA braucht es ein Mostgewicht von mindestens 150°. Zwischen 6.000 und 7.000 Liter gesunde Trauben konnte der Winzer in diesem Jahr pro Hektar einfahren – und dazu pro Hektar 50 Liter Trockenbeerenauslese aus Riesling.

Die TBA als wichtiges Nebenprodukt 

Mühsame Selektion im Weinberg

Mühsame Selektion im Weinberg, Bild: Weingut Michel

Die Lese von TBA ist ein mühsames Geschäft und erklärt auch den höheren Preis der Weine. In reiner Handarbeit wird im Weinberg die Selektion vorgenommen: Jede Traube mit Botrytis-Befall wird geschnitten und die einzelnen befallenen Beeren kommen in einen separaten Eimer, die gesunden Trauben werden zu einem herkömmlichen Wein verarbeitet. „Das heißt wunde Finger, die auch schon mal bluten“, bringt Sebastian Michel die harte Arbeit auf den Punkt. Trotzdem ist der Winzer mit dem Sommer und der Ausbeute zufrieden: „In schlechten Jahren mit viel Feuchtigkeit kann es durch unerwünschten Pilzbefall zur Essigfäule oder Grünfäule kommen, dann haben wir echte Ausfälle, da wir im Hauptgeschäft wir auf trockene Weißweine setzen. Die Trockenbeerenauslese ist für uns ein erwünschtes Nebenprodukt. Es macht einfach Spaß, wenn man einen solchen Wein im Glas hat.“

Redaktionell verändert veröffentlicht am 27.10.2018 im Darmstädter Echo in der Rubrik „Südhessen genießen – Weinschmecker“.